Gedanken zum Aelterwerden

Ich bin gerne alt 
von Erich Gerber

Probiere Neues, halte dich fest an deinen Freunden, halte dich fest an Treppengeländern, ernähre dich gesund und wandere oft!



Mit diesen fünf Punkten fasse ich meine wichtigsten Empfehlungen zum Aelterwerden zusammen. Zum Schönsten im Alter gehört, dass wir nach den Anstrengungen und dem Stress des Berufslebens bei guter Gesundheit freier sind für unser Tun. Dazu gehört unter vielem anderem auch das Reisen in der weiten Welt.
Neugierig zu bleiben, nach vorne zu schauen, etwas Neues zu lernen, etwas Neues zu probieren! Das gehört für mich zum Wichtigsten. Auf der andern Seite: Wenn wir mit guten Freunden zusammen sind und einander „Weisch no?“ fragen, können auch wichtige Impulse für die Zukunft wach werden.

Warum komme ich überhaupt auf die Idee, über das Aelterwerden nachzudenken? Ich fühle mich wirklich gut, bin 85-jährig und möchte solche Erfahrungen mit meinen Freunden teilen. Einen Wunderweg zum positiven Altern kann ich weder verraten noch beweisen. Ich bin dankbar für mein Alter und gerne alt.

Zwei Zitate:
Man wird alt, wenn die Leute anfangen zu sagen, dass man jung aussieht (Karl Dall).
Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden (Franz Kafka).

Wir werden alle älter, niemand will aber alt sein.
Schon hat wieder der Herbst begonnen. Warum geht unsere Zeit immer schneller vorbei? Weil immer weniger davon übrig bleibt? Sind Mitmenschen, die 10 Jahre älter sind als wir, wirklich schon „alt“, wie wir manchmal etwas spöttisch feststellen?

Ja, wann ist man alt?
Auf diese Frage habe ich in den vergangenen Wochen persönliche Meinungen erhalten: Wenn ich in allem langsamer werde. Wenn ich mich alt fühle. Seitdem ich pensioniert bin. Wenn ich eher zurück als vorwärts schaue. Wenn ich Schmerzen habe und Medikamente nehmen muss. Wenn ich in den Keller gehe und nicht mehr weiss, warum… Wenn mich ein älterer Mann mit Gepäck auf einer Bahnhofstreppe überholt. Wenn ich Stöcke brauche. Wenn ich plötzlich zu Boden stürze. Wenn ich Augen- oder Zahnoperationen machen lassen muss. Wenn ich 80-jährig werde.

Auf diese Frage hat mir Vikar Schneebeli von der Kirche Schwamendingen nach kurzer Ueberlegung gesagt: „Das hängt ganz von der jeweiligen Situation ab. Es gibt Phasen im Leben, wo man sich jung fühlt, andere, wo man sich alt
vorkommt. Wir müssen uns jedes Mal darauf einstellen.“ Vieles hängt wohl auch von den Genen ab, die wir mitbekommen haben. Meine Mutter wurde 99-jährig.

Biologisch beginnt das Alter ja schon bei 22 Jahren…

Beim Aelterwerden denken wir meist zuerst an das Gedächtnis, wenn uns plötzlich wohlbekannte Namen und andere wichtige Dinge entfallen. Unser Gedächtnis lässt vielleicht nach, aber wir wollen bewusst bleiben, dass wir bis ins höchste Alter lernfähig sind und unser Gedächtnis trainieren können, z.B. mit Sudoku, Rätsel lösen oder mit Sprachkursen, wie es zum Beipiel Kurt Schneiter auf Spanisch in Salamanca getan hat. Jean-Louis Aeschlimann hat mir gesagt: „Das Alter beginnt im Kopf.“ Das glaube ich auch, je länger ich darüber nachdenke.

Das Alter beschäftigt auch die Politik. Gemäss Statistik wird in wenigen Jahr-zehnten jeder dritte Einwohner der Stadt Zürich 65-jährig und älter sein. Daraus ergibt sich nicht nur eine Zunahme unserer älteren Bevölkerung und der sozialen Probleme, sondern auch ein Kapital an Manpower und hoffentlich auch an Goodwill, das von unserer Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur noch besser genutzt werden sollte.

Wer sich ebenfalls rüstig und fit fühlt, hat mit 65 noch 20, 25 Jahre vor sich, einen Drittel seines Lebens. Was machen wir damit? Viele, die sich noch „zwäg“ fühlen, möchten nach einer gewissen Ruhezeit etwas anderes tun, etwas Neues anfangen, von dem sie vielleicht schon lange geträumt haben, nach dem sie sich sehnen oder das ihnen zusammen mit andern gerade einfällt. Manche dieser Mitmenschen wollen noch einmal durchstarten. Mir kommen dabei nicht nur Kreuzfahrten in den Sinn. Manche - auch unter uns! - könnten ihr Wissen und ihre Erfahrung für beratende Aufgaben einsetzen. Ich tue es zum Beispiel gerne beim Training der Redekunst in der Studentenverbindung.

Ausserordentlich wichtig sind in vielen Organisationen und Vereinen die freiwilligen älteren Helferinnen und Helfer, ohne die es oft gar nicht mehr ginge, vor allem in den Kirchen, Spitälern, Schulen und bei der ebenso wichtigen Nachbarschaftshilfe.

Nötig und deshalb wichtig ist genügend körperliche Bewegung.
S
eit 10 Jahren gehen meine Frau und ich jeden Donnerstag ins AquaFit-Programm von Anne Marti im Hallenbad Wallisellen: mit Schwimmwesten und Musikbegleitung schweben wir während dreiviertel Stunden mit einer netten Gruppe von etwas 12 Seniorinnen und Senioren fast schwerelos im tiefen Becken. Das Wasser ist mit 28 Grad angenehm warm. Alle Glieder werden trainiert. Dein Körpergewicht merkst Du erst wieder, wenn Du am Schluss wieder aus dem Becken kletterst. AquaFit können wir sehr empfehlen. Meinen Freunden rufe ich deshalb zu: Geht so oft wie möglich wandern - eine Stunde pro Tag wäre optimal!

Sehr wichtig ist auch unsere gesunde Ernährung.
Miteinander etwas Feines zu essen und zu trinken, gehört wohl zu den schönsten und angenehmsten Genüssen in unserem Leben - bis ins hohe Alter, wenn anderes nicht mehr so gut geht. Aber: Wenn ich zuhause intensiv am Computer sitze, manchmal tagelang, ist mein ärgster „Feind“ der Kühlschrank in der Küche. Wohl seinetwegen bin ich immer noch 5 kg zu schwer...

„Wir essen uns zu Tode“: Diesen hochinteressanten Artikel aus der „NZZ am Sonntag“ vom 28. September 2014 empfehle ich sehr. Er warnt uns vor dem „Wundermittel Zucker", der in rauhen Mengen auch in salzigen Produkten wie Ketchup, Salatsaucen, Pizzas, Hamburgern sowie als Konservierungsmittel in Fertigprodukten steckt, die wir gemeinhin als sehr gesund annehmen wie Joghurts oder Frühstückscerealien.

Je länger ich in den vergangenen Wochen über das Aelterwerden nachdenke, desto wichtiger wird der zwischenmenschliche Bereich - unser Kontakt mit der Familie und andern Menschen.
In der Hälfte aller 212'000 Wohnungen in der Stadt Zürich lebt gemäss offizieller Statistik nur eine Person. Was muss jeder Mensch - jeder unter uns - selber vorkehren, um sein Alleinsein zu verkraften und Einsamkeit zu vermeiden? Was muss die städtische Sozialpolitik in diesen Belangen noch unternehmen?
Als „Aktivsenior“ möchte ich mich noch mehr um diese Probleme in unserer Stadt kümmern.

Die Bedeutung und Pflege von Freundschaften wird im Alter immer nötiger und wichtiger.
Gilt das nicht auch für unsere Verbindung, für unseren Freundeskreis? Werden unsere Stämme und Anlässe nicht immer nötiger und wertvoller? Die Senioren-zusammenkünfte von Martin Philippi sind besonders beliebt, vor allem für jene, die alleine leben. Mein Programm mit Kurzreferaten vor dem Dienstagstamm soll ebenfalls die gegenseitige Freundschaft pflegen und den Stamm beleben: Halte dich fest an Deinen Freunden!

„Altwerden ist nichts für Feiglinge!“
sagte mir kürzlich eine nette Dame bei einer Vernissage in der „Tenne“ Schwamendingen, mit einer energischen Handbewegung. Wie wir es selber erleben, nehmen die Gesundheitsprobleme ständig zu, bis zum berühmten Spruch: „Wenn mir beim Erwachen nichts mehr weh tut, muss ich wohl schon im Paradies sein…“
Wer sich noch ganz gesund fühlt, nimmt das für selbstverständlich und gewöhnt sich daran - bis die „Körperwaage“ plötzlich kippt und wir uns im schlimmsten Fall kaum mehr vor der „Medizin“ und dem Strudel der Fachärzte retten können…

Wem es nicht mehr so gut geht, muss versuchen, seine Situation zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen.

Treppen sind gefährlich.
In den vergangenen Jahren habe ich so viele Bekannte erlebt, die zu Hause oder unterwegs auf einer Treppe gestürzt sind und sich dabei verletzt haben. Eine sehr gute Freundin unserer Familie ist nach einem Sturz auf einer Kinotreppe nicht mehr aus dem Koma erwacht und gestorben. Allen meinen älteren Freunden und Bekannten empfehle ich deshalb dringend:
„Häb Di am Gländer uf allne Stäge!“

Wir ältere Mitmenschen brauchen viel Kraft und Mut, wenn die Gesundheits- und Altersprobleme auf uns  und unsere Angehörigen zukommen. Viel Wichtiges und manchmal auch Schwieriges oder sogar Heikles muss rechtzeitig angepackt und geregelt werden, solange wir noch über die nötige Kraft verfügen.

Ich denke an folgende Punkte: Was machen wir, wenn wir einmal nicht mehr auto-fahren können? Dieser Verzicht kann unser Leben verändern. Was machen wir, um möglichst lange in unseren vier Wänden leben zu können? Wer kann und wird uns dabei helfen? Was machen wir später mit unsern Möbeln und Büchern? Wann bestellen wir eine Wanne, um Unnötiges wegzuräumen? Wann und wie regeln wir die Erbschaftsprobleme? usw.

Die eine oder andere dieser Fragen könnten wir vielleicht auch in unserem Kreis diskutieren.

Allen unter uns, denen es gesundheitlich nicht mehr so gut geht, wünsche ich auch auf diesem Weg von Herzen viel Geduld, Ausdauer und Hoffnung. Den andern manche Lust an Neuem und viel Freude.

Schluss

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Neueste Kommentare

04.11 | 17:06

Wir fahren oft mit Seilbahnen und geniessen den Rundblick - der Lärm hat uns nie gestört, haben aber Verständnis für Menschen, die bei einer Station leben.

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04.11 | 11:07

Dass die unnötige Zooseilbahn keinen Lärm verursacht ist falsch. Herr Gerber hat wohl noch nie neben einer Seilbahn Tal- oder Berg-station gelebt! Mehr Verkehr.

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28.08 | 12:11

Toller Bericht, schöne Aufnahmen!

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10.12 | 15:36
Barack Obama erhielt 1
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