Gastbeitrag von Josef Hochstrasser

Pfarrer Josef Hochstrasser

NZZ 26.2.2020

 Was christlich ist

Josef Hochstrasser

Wer immer heute sein Denken oder seine Taten «christlich» nennen will, muss sich am geschichtlichen Jesus aus Nazareth orientieren. Allein, das ist ein äusserst schwieriges Unterfangen. Der Nazarener hat kein einziges Wort aufgeschrieben. Was er wirklich gesagt hat, kann nicht mehr mit Sicherheit eruiert werden. Das gesamte Neue Testament ist eine Zusammenstellung von Schriften verschiedenster Autoren, die nicht umhinkonnten, Jesus zu interpretieren. Selbst diejenigen
Anhänger, die tagtäglich mit ihrem Meister unterwegs waren, verstanden ihn nicht immer. Wie sollten die Evangelisten, die ihr Textmaterial ohne direkte Erfahrungen mit Jesus zusammenstellten, diesen Mann noch Jahrzehnte nach seinem Tod richtig wiedergeben? 

Von Jesus kann man nur mit Sicherheit wissen, dass er um das Jahr 30 der neuen Zeitrechnung von den Römern gekreuzigt wurde. Eine Bio-grafie Jesu zu rekonstruieren, haben schon viele versucht. Alle sind sie gescheitert. Geburt und Kindheit liegen im Dunkeln. Die Auferstehung entzieht sich der objektiven Prüfung. Sein kurzes öffentliches Auftreten – wahrscheinlich bloss wenige Jahre – bedarf der Interpretation. Damit ist einer vielfältigen Deutung des Wirkens Jesu Tür und Tor geöffnet.

Einer hat sich sehr selbstbewusst zum Jesus-Kenner aufgeschwungen: Paulus. Der Apostel ist dem historischen Jesus zwar nie begegnet. Trotzdem sieht er sich berufen, dem Nazarener ein theologisches Lehrgebäude zu verpassen. Während der junge jüdische Mann Jesus die Menschen mit seinen Taten den Anbruch des Reiches Gottes erfahren liess, kreierte Paulus aus ihm die mythische Christus-Figur. Im Zentrum paulinischer Theologie steht nicht mehr der glaubende Jesus, sondern der geglaubte Christus – ein Halbgott, der Pantokrator, als der er spätestens seit dem 4. Jahrhundert verehrt wird.

Es gibt aber niemanden, der die zentrale Botschaft von Jesus aus Nazareth mit absoluter Sicherheit kennt. Unbestritten ist: Jesus starb den Tod eines Verbrechers. Er hat ihn konsequent auf sich genommen. Mit Lavieren hätte er sein grausames Ende verhindern können. In der Deutung dieses Todes scheiden sich die Geister. Paulus begreift den Kreuzestod als Sühneopfer. Nach Meinung des Apostels wollte Jesus Gott gnädig stimmen und die seit Evas Ungehorsam in Sünde lebende Menschheit erlösen. Aus dieser Theologie entwickelte der Kirchenvater Augustinus die Erbsündenlehre, worauf Jahrhunderte später Martin Luther mit seinem «sola gratia» reagierte.

Ein anderes Verständnis des Kreuzestodes Jesu geht davon aus, dass Jesus den Menschen seiner Zeit mit der Ansage des unmittelbar bevorstehenden Reiches Gottes ein würdiges Leben habe ermöglichen wollen. Diese gesellschaftspolitische Absicht habe ihn unweigerlich in einen tödlichen Konflikt mit den römischen Imperialisten verwickelt. Auf diese gänzlich andere Deutung baut die Befreiungstheologie.

Kampf gegen die Mächtigen 

Kirchlich engagierte Christinnen und Christen führen unter dem Stichwort «christliche Werte» immer wieder die Begriffe Freiheit, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ins Feld. Um Freiheit geht es aber auch einem Buddhisten. Gerechtigkeit üben will auch eine Muslimin. Die Schöpfung zu bewahren, ist auch Ziel grüner Politik. Zu alldem braucht es nicht zwingend einen Jesus.

Es gibt allerdings einen Wert, der typisch jesuanisch ist, für den dieser in den Tod ging, was diese Wertvorstellung einmalig und exklusiv macht: Gemeint ist der Umgang mit Macht. Jesus, der Wanderprediger, intervenierte überall dort, wo Mächtige die Menschen unterdrückten, sei es individuell oder politisch. Bekämpfung von Macht in all ihren Facetten greift wirklich auf den historischen Jesus zurück. 

Josef Hochstrasser war römisch-katholischer Priester; nach der Heirat wurde er reformierter Pfarrer. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschien von ihm «Die Kirche kann sich das Leben nehmen – 10 Thesen nach 500 Jahren Reformation».

Ich finde diesen Gastbeitrag von Josef Hochstrasser denkwürdig.

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