Zukunft braucht Herkunft

Nationalrat Martin Landolt

Parteiversammlung BDP Schweiz
Samstag, 28. April 2018, in Seewis

Rede von Nationalrat Martin Landolt, Präsident BDP Schweiz

Zukunft braucht Herkunft.

Der Kanton Graubünden gehört zu den Gründerkantonen der BDP - zu den so genannten Stammlanden. Dies aber nicht einfach nur seit oder wegen der Parteigründung im Jahr 2008. Die Wurzeln gehen viel weiter zurück. Und wer die BDP verstehen will, muss sich vor allem auch die Geschichte der Bündner Politlandschaft in den letzten 100 Jahren vor Augen halten. Das Bündner Tagblatt hat diese Geschichte am 20. Juni 2015 so betitelt: „Der lange Weg der Bündner Demokraten zur SVP und zurück zur BDP“.

Die Geschichte beginnt im Juni 1916. Ein gewisser Felix Koch aus Tamins hält in Chur einen Vortrag und fordert dort mehr Demokratie mit Referendum und Initiative, aber auch eine Demokratisierung der Wirtschaft. Denn dieser Koch ist ein Linksliberaler, der als ehemaliger Postbeamter seine Karriere im Verband der Pöstler und im Beamtenbund lanciert hat. Vor allem aber ist dieser Felix Koch kein Geringerer als der Generalsekretär der Schweizer Freisinnigen.

Koch und seine Mitstreiter treffen mit ihren Forderungen auf nahrhaften Boden. Denn angesichts von Krieg und Krise beginnt innerhalb der damals dominierenden Freisinnigen der Flügel der Jungliberalen und der Jungfreisinnigen zu erwachen und tritt gegen die, wie sie es nennen, „Dorfkönig- und Hotelier-Aristokratie“ hervor. Felix Koch wird zwar schon im Juli 1918 in jungen Jahren von der Spanischen Grippe weggerafft; aber andere tragen den internen Protest gegen das freisinnige Establishment weiter. Sie fordern Reformen wie Proporzwahlrecht, direkte Bundessteuern, Frauenstimmrecht oder die Demokratisierung des Militärs zu einem echten Volksheer.

Als im Oktober 1919 der Nationalrat zum ersten Mal im Proporz gewählt werden soll, fordern die Jungfreisinnigen zwei Plätze auf der freisinnigen Sechserliste. Zudem soll die Liste nicht wie bisher mit den Konservativen verbunden werden. Der freisinnige Parteitag lehnt diese Forderungen einstimmig ab. Nur ein paar Tage später ziehen die Jungfreisinnigen die Konsequenzen: Eine eigene Viererliste für die Nationalratswahlen und dann, am 8. Dezember 1919, die offizielle Gründung der „Demokratischen Partei Graubünden“.

Vorerst noch ohne Erfolg. Die Freisinnigen verlieren zwar einen ihrer vier Sitze, aber nicht an die Demokraten, sondern an die Sozialdemokraten. Aber es gibt Grund zur Zuversicht: Die „Bündner Zeitung“ wird nämlich demokratisch. Sie heisst jetzt „Neue Bündner Zeitung“ und bekommt mit dem aus Maienfeld stammenden Hans Enderlin einen Redaktor, der sofort beginnt, sich für die demokratischen Nationalrats- und Regierungsratskandidaten einzusetzen. - Und schon 1920 wird ein gewisser Christian Michel mit deutlichem Vorsprung zum ersten demokratischen Regierungsrat Graubündens gewählt.

Sie sehen: Schon damals ist es von Vorteil, eine parteieigene Zeitung zu haben... Und tatsächlich tauchen immer mehr engagierte Artikel gegen die freisinnige Vorherrschaft in Politik und Wirtschaft auf.

Ein gewisser Andreas Gadient hat sogar in seiner wirtschaftswissen-schaftlichen Dissertation vehemente Angriffe gegen das „Unterländer Grosskapital“ und seine freisinnigen Verbündeten in der Bündner „Bauernführerschaft und Offizierskaste“ gerichtet. Dies trägt ihm in der Folge verschiedene Klagen und Gerichtsverfahren ein, aber auch steigende Popularität: Andreas Gadient holt ein paar Jahre später den ersten Nationalratssitz für die Bündner Demokraten.

1929 löst ein Börsencrash in New York die Weltwirtschaftskrise aus, deren Folgen selbstverständlich auch in Graubünden spürbar werden. Die Demokraten lancieren unter anderem zusammen mit den Sozial-demokraten eine so genannte „Kriseninitiative“, die sich gegen die freisinnig geprägte Wirtschaftspolitik richtet und an mehreren grossen „Volkstagungen“ propagiert wird. In Wil beispielsweise spricht Andreas Gadient vor über 10‘000 Menschen.

Jetzt eilen die Demokraten von Wahltriumph zu Wahltriumph. 1931 überlassen die Freisinnigen den Demokraten einen Sitz in der Regierung gleich kampflos, so dass Albert Lardelli zum zweiten demokratischen Regierungsrat Graubündens gekürt wird. Bei den Grossratswahlen von 1933 überholen die Demokraten erstmals die Freisinnigen und stellen die stärkste Fraktion. 1935 erobert eben dieser Regierungsrat Lardelli als erster Demokrat einen Ständeratssitz. Bei den Nationalratswahlen im gleichen Jahr holen sich die Demokraten einen zweiten National-ratssitz. Vier Jahre später erobern sie drei der damals sechs Bündner Nationalratssitze und werden stärkste Bündner Partei.

So präsentieren sich die erfolgsverwöhnten Demokraten bis zum Ende des zweiten Weltkriegs als stärkste Bündner Partei mit der grössten Fraktion im Grossen Rat, zwei Regierungsräten, einem Ständerat und drei von sechs Nationalräten.

Aber es bahnt sich bereits kurz nach 1945 eine gewisse Wende an. Es folgt in relativ kurzer Zeit der grosse Wirtschaftsaufschwung, der den Freisinnigen als klassische Wirtschaftspartei aus dem Wellental heraus hilft. Gleichzeitig versöhnen sich die Katholisch-Konservativen mit den Christlich-Sozialen und mobilisieren nun gemeinsam gegen die Vor-machtstellung der Demokraten. Mit Erfolg: Die Demokraten verlieren einen ihrer Nationalratssitze im Jahr 1947.

Anschliessend folgt aber während den folgenden fast 30 Jahren ruhigeres Fahrwasser mit weiterhin zwei Nationalratssitzen und einem Ständeratssitz. - 1971 schliessen sich die Bündner Demokraten mit der Bauern-Gewerbe-Bürgerpartei (BGB) auf nationaler Ebene zur Schweizerischen Volkspartei zusammen. Auf kantonaler Ebene nennen sie sich vorerst aber weiterhin „Demokraten“. Als 1974 ein gewisser Leon Schlumpf in den Ständerat gewählt wird, kann auf der Liste „SVP/die Demokraten“ die Schwiegertochter des ehemaligen Ständerats Lardelli nachrücken. Elisabeth Lardelli wird zur ersten Bündner Nationalrätin; und die Demokraten schreiben erneut Geschichte.

Die Gründung der SVP ist aber kein einfacher Schritt. Der Sprung über die freisinnige Mitte hinweg zur rechts stehenden BGB, löst da und dort Unsicherheit und Befremden aus. An den Nationalratswahlen 1975 verlieren die Demokraten massiv an Wählern, über 23‘000 Listenstimmen und einen ihrer beiden Sitze.

Erst als sich der Zusammenschluss mit der BGB zu festigen beginnt, erhalten die traditionellen Bündner Demokraten eine neue, erweiterte Wählerbasis. Die Bruchstellen des Zusammenschlusses bleiben zwar immer wieder sichtbar und man sagt, die Bündner SVP bestehe eigentlich aus zwei Parteien. Wahlpolitisch wirkt sich dies allerdings nicht aus. Im Gegenteil: Nach der ersten Krise steigert sich die Partei von Wahl zu Wahl und gewinnt 1999 ihren zweiten Nationalratssitz zurück. Mit ihren zwei Flügeln hat es die Bündner SVP geschafft, sich erfolgreich links und rechts der Mitte zu positionieren.

Dann kommen die bekannten Ereignisse von 2007. Eveline Widmer-Schlumpf wird an der Stelle von Christoph Blocher in den Bundesrat gewählt. Die Bundeshausfraktion verstösst neben Eveline Widmer-Schlumpf auch ihren bisherigen Bundesrat Samuel Schmid, der kurz davor mit 201 Stimmen wiedergewählt worden ist.

Da in den schweizerischen Parteistatuten nur der Ausschluss ganzer Sektionen, nicht aber von Einzelpersonen vorgesehen ist, wird die gesamte Bündner SVP-Sektion ausgeschlossen. Mit ihr solidarisieren sich zahlreiche weitere Parteimitglieder - vor allem in den Kantonen Bern und Glarus. Und mit der Gründung der BDP am 1. November 2008 bekommen die ursprünglichen Werte der BGB und der Demokraten wieder eine politische Heimat.

Nun, wieso erzähle ich Ihnen diese Geschichte? Nur, weil ich gerne von den guten alten Zeiten erzähle? - Selbstverständlich nicht. Wir können auch nicht alles mit früher vergleichen. Die politische Landschaft war eine andere, das gesellschaftliche und das wirtschaftliche Umfeld ebenso.

Dennoch dürfen wir das eine oder andere durchaus mit auf den Weg nehmen. Beispielsweise die klar belegte Tatsache, dass wir eine progressive Mittepolitik - also bürgerlichen Fortschritt - gewissermassen in unserer DNA haben.

Die Frage, ob man jetzt eher gerade etwas links oder rechts von der Mitte politisiert, stellt sich nicht. Sie ist eine nutzlose Frage, weil die Mitte nicht ein schmaler Grat, sondern ein breiter Pfad ist. Und dieser Pfad darf nur eine Richtung kennen: Vorwärts. - Nicht links, nicht rechts. Vorwärts!

Und wenn die Bündner Demokraten insbesondere während ihrer Gründungsgeschichte von den Freisinnigen nach links ausgeschert sind, dann war das deshalb so, weil sie näher bei den Menschen politisieren wollte. Bei den einfachen Menschen, beim Mittelstand, bei den Arbeitnehmenden, bei den Frauen. - Das war eben nicht links. Das war vorwärts.

Es ging um die Forderung, dass eine liberale Wirtschaft und eine liberale Gesellschaft auch Verantwortung übernehmen müssen. Es war ein Aufstand der Jungen und der Progressiven. Eine Revolution der Vernunft. Ein Aufbruch zu bürgerlichem Fortschritt.

Eine Partei mit dieser Vergangenheit hat eine Zukunft. Zukunft braucht Herkunft. Deshalb wird es die BDP auch in Zukunft brauchen; vielleicht mehr denn je: Denn nach wie vor wird verantwortungsvolles Unternehmertum vermisst. Nach wie vor werden in diesem Land die Frauen in verschiedenen Bereichen benachteiligt. Nach wie vor haben in diesem Land die über 50jährigen Existenzängste. Nach wie vor fühlt sich der Mittelstand im Stich gelassen.

Deshalb braucht es heute und in Zukunft die BDP, wie es damals die Bündner Demokraten gebraucht hat. Deshalb sind wir gekommen, um zu bleiben. Und deshalb werden wir bleiben.

Schluss

 

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Neueste Kommentare

04.11 | 17:06

Wir fahren oft mit Seilbahnen und geniessen den Rundblick - der Lärm hat uns nie gestört, haben aber Verständnis für Menschen, die bei einer Station leben.

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04.11 | 11:07

Dass die unnötige Zooseilbahn keinen Lärm verursacht ist falsch. Herr Gerber hat wohl noch nie neben einer Seilbahn Tal- oder Berg-station gelebt! Mehr Verkehr.

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28.08 | 12:11

Toller Bericht, schöne Aufnahmen!

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01.11 | 11:44
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