stehen in Problemen

 

Das klassische Altersheim als Auslaufmodell: die Pandemie beschleunigt den Umbau der Alterspflege

Jann Lienhart

 
Viele ältere Personen in der Schweiz haben in der Corona-Krise ihren Eintritt in ein Alterszentrum hinausgezögert. Das hat zu einem höheren Betten-Leerstand und zu Mindereinnahmen in Millionenhöhe geführt. Die Pandemie hat damit jedoch nur einen schon länger anhaltenden Trend verstärkt.

© Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung: Immer mehr betagte Personen ziehen erst dann in ein Alterszentrum, wenn es nicht mehr anders geht. (Gaëtan Bally / Keystone)

Für Alters- und Pflegezentren ist die Pandemie gleich doppelt belastend: Auf der einen Seite hat das Virus dazu geführt, dass die Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner aufwendiger wurde. Auf der anderen Seite sind wegen der Einschränkungen in den Heimen und der Angst vor einer Ansteckung weniger Menschen eingetreten. Die Stadt Zürich zum Beispiel verzeichnete Anfang Juni eine um 10 Prozentpunkte tiefere Auslastung der Pflegezentren, bei den Alterszentren beträgt das Minus 6 Prozentpunkte.

Das hat Löcher in die Kassen der Institute gerissen. Der Branchen-verband Curaviva beziffert die nicht gedeckten Gesamtkosten im Jahr 2020 mit 385 Millionen Franken. Im Verhältnis zu den Gesamtkosten der stationären Alterspflege von rund 11 Milliarden Franken sind das rund 3,5 Prozent, die zusätzlich die öffentlichen Kassen belasten.

Dieses Zusatzbelastung und die Unterbelegung dürfte zwar wieder verschwinden. Doch die Pandemie hat eine Entwicklung verstärkt und sichtbar gemacht, die anhalten wird. «Es ist klar ein Trend hin zur Betreuung zu Hause festzustellen», sagt Peter Burri von Pro Senectute. Wer könne, der schiebe heute den Eintritt in ein Alterszentrum hinaus.

Deutschschweiz hinkt der Entwicklung hinterher

Das hat Folgen, insbesondere für die Deutschschweiz. Denn die Regionen östlich des Röstigrabens weist im Vergleich mit der Romandie und den Nachbarländern eine sehr hohe Dichte an Alters- und Pflegezentren auf. 70 bis 75 Prozent der Menschen verbringen in diesem Landesteil ihr letztes Lebensjahr in einem Alters- oder Pflegezentrum. In der Westschweiz und im Tessin beträgt diese Quote nur rund 50 Prozent. Das ist kein Zufall: Weil es einem klaren Bedürfnis entspricht, fördern diese Kantone schon seit längerem die Betreuung zu Hause.

Umgekehrt heisst das, dass die Deutschschweiz hier einen klaren Aufholbedarf hat. Das ist auch den Kantonen nicht entgangen. Die Zahl der über 80-Jährigen wächst zwar rasant. Bis 2050 wird sich ihr Anteil an der Bevölkerung gemäss Prognosen des Bundesamtes für Statistik von 5,2 Prozent (0,46 Millionen) auf 10,6 Prozent (1,1 Millionen) verdoppeln. Trotzdem muss zum Beispiel der Kanton Zürich bis 2035 nach jüngst geänderter Planung 1200 der aktuell bestehenden 18 700 Pflegebetten abbauen. Ein Überangebot besteht absehbar auch in Bernbiet und in der Ost- und Innerschweiz.

Mit dem Abbau der Plätze geht aber auch ein markanter Umbau der Institutionen einher. Wenn Betagte erst bei wirklicher Bedürftigkeit in ein Alterszentrum eintreten, steigt der Unterstützungs- und Pflegebedarf. Zudem wird es mehr spezialisierte Angebote brauchen, etwa an Tages- und Ferienplätzen und im Bereich der Gerontopsychiatrie. Bereits heute leiden rund 70 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner eines Pflegezentrums an Demenz.

Ebenfalls an Wichtigkeit gewinnen die Sterbebegleitung und die Betreuung von schwerkranken Menschen (Palliativ Care), wie der Alters- und Generationenforscher François Höpflinger sagt.
«Das Sterben verschiebt sich vom Spital und von zu Hause ins Heim.» Damit verändere sich auch der Charakter der Institutionen. «Das klassische Altersheim wird verschwinden», sagt er. Die Pandemie hat diese Entwicklung nur beschleunigt.

Deutlichere Ausbau der ambulanten Pflege nötig

Mit der Redimensionierung der stationären Pflege muss natürlich ein Ausbau der ambulanten einhergehen. Die Westschweiz ist hier der Deutschschweiz schon Jahre voraus. Die Versorgungsverhältnisse dort zeigt, wohin die Reise auch ennet der Saane gehen könnte.

Würden die Deutschschweizer Kantone bis 2035 die Zahl der Spitex-Pflegestellen auf das Niveau der Westschweiz anheben, müsste sie bei einem aktuellen Bestand von rund 15 000 Stellen 21 000 zusätzliche schaffen.

In der Inner- und in der Ostschweiz würde das einer Vervierfachung entsprechen. Die bevölkerungsreichen Kantonen Zürich und Bern müssten den Stellenbestand verdoppeln.

Der Umbau hin zur ambulante Pflege betrifft aber auch die Spitäler. Weil zu Hause lebende Betagte in ihrem letzten Lebensjahr deutlich häufiger in ein Spital eingewiesen werden als Personen in Alters- und Pflegezentren, muss auch die Kapazität auf den gerontologischen Abteilungen ausgebaut werden. Diesen Zusammenhang hat eine im April veröffentlichte Bericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatorium (Obsan) deutlich aufgezeigt.

So verzeichneten die Innerschweizer Kantone aber auch die Kantone Zürich und Bern bei den 2018 in Spitäler, Alters- oder Pflegeheime verstorbenen über 65-Jährigen rund 1,5 Spitaleintritte pro Person. In den Westschweizer Kantonen dagegen wurde diese Personengruppe rund 2 Mal in ihrem letzten Lebensjahr in ein Spital eingewiesen. Bei einer Angleichung der Verhältnisse würden damit die Spitaleintritte in der Deutschschweiz um ein Drittel ansteigen.

Für die Spitäler bedeutet das, dass sie künftig noch mehr Patienten mit besonderen Bedürfnisse betreuen müssen. Insbesondere bei der altersgerechten Kommunikation und Begleitung gebe es Nachhol-bedarf, sagt Höpflinger.

Die grösste Herausforderung für sämtliche Institutionen ist jedoch gemäss seiner Einschätzung der Personalmangel. Die Schweiz habe jahrzehntelange zu wenige Leute ausgebildet, zudem verzeichne dieses Berufsgattung eine hohe Ausstiegsrate. 
Gemäss einer neuen Obsan-Berechnung verlassen 42 Prozent der Pflegefachleute ihren Beruf. Die Abschlüsse bei den Pflegefach-personen decken laut dem Schweizer Berufsverband der Pflege-fachfrauen und Pflegefachmänner SBK nur 43 Prozent des geschätzten jährlichen Nachwuchsbedarfs. Bis 2030 werden laut SBK zusätzliche 65 000 diplomierte Pflegefachpersonen benötigt.

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