Gedanken für die Grosskinder

Kaja und Hans-Uli Richard
Hans-Uli Richard

Ittigen, 21. April 2020

Gedanken und Erinnerungen
von Hans-Uli Richard an die Grosskinder Olivia, Nina, Claudio, Gregory und Raquel

Wir sind zu Hause in Ittigen im Home-Office, seit fünf Wochen in Quarantäne wegen dem Corona-Virus… Ein bis zwei Stunden pro Tag spazieren an der frischen Luft. Jetzt bleibt Zeit für ein paar Gedanken, die euch vielleicht später interessieren. Wir haben uns ab und zu lustig gemacht, als uns unser Papa, oder unsere Mami, ihre Geschichten erzählt haben, wie sie als Kinder zu zweit in einem Bett schliefen, weil nur wenig Platz und auch wenig Geld zur Verfügung stand. Wie sie im Sommer auf dem Lande ohne Schuhe unterwegs waren und nie in die Ferien fuhren…

Nun sind wir so weit, Dinge zu erzählen, die ihr schon oft gehört habt und die wir als wichtig empfinden und gerne weitergeben würden. Es bleibt an euch zu entscheiden, wie ihr die Vergangenheit beurteilt, oder gewichtet.

Wir sind in einer Zeit aufgewachsen, in der nicht alles und jedes sofort verfügbar war; Ferien, Auto, Fernseher und Freizeit waren Dinge, die als extremer Luxus wahrgenommen wurden. Als Kinder haben wir Bananen, Orangen, Ananas, Kokosnüsse, oder Datteln überhaupt nicht gekannt und trotzdem waren wir zufrieden, eigentlich glücklich.

Die Jahre während des Krieges (1939-1945) waren belastend, aber wir hatten immer zu Essen, Wir wurden von Kindermädchen betreut, die Eltern hatten wenig Zeit, sich mit uns zu beschäftigen. Meine Bezugsperson war meine Schwester Susy, die sich im Notfall immer um mich kümmerte. Haus-aufgaben und andere Probleme konnten wir zusammen besprechen. Susy war immer für mich da. Erst im Alter wird einem bewusst, was eine so gute Freundschaft bedeutet.

Kaja und ich haben sehr jung geheiratet und drei einzigartige Buben bekommen, die noch immer unser ganzer Stolz sind! Jetzt haben noch fünf Grosskinder unsere Familie bereichert und mit unseren Schwiegertöchtern den Kreis geschlossen.
Wir waren ein tolles Team!

Nochmals zurück zum Beginn unserer beruflichen Laufbahn, die vielleicht bekannt ist, aber sich trotzdem lohnt festzuhalten. Schule, Berufslehre und Auslandaufenthalte sind in der Familien-Chronik nachzulesen. Einige wichtige Entscheide sind hier nochmals erwähnt.

Der wichtigste war meine Heirat mit Kaja. Die drei Söhne waren das schönste Geschenk. Wir haben alles erreicht, was wir uns vorgenommen haben und vieles kam noch dazu. Eine tolle Familie, ein eigenes Haus, ein eigenes Geschäft im Zentrum von Bern, ein Segelboot auf dem Thunersee…

Es war eine schöne, ereignisreiche Zeit!

Das alles verdanken wir auch unseren Vorfahren, die den Weg für uns bereitet haben und die Möglichkeit schufen, den vorgezeichneten Weg weiter zu verfolgen.

Wir sind ihnen zu grossem Dank verpflichtet!

Ohne die Weitsicht von Johannes und Margrit Bütikofer, Gottlieb und Bertha Richard, Max und Gertrud Richard, hätten wir das alles nie erreichen können. Es waren immer wieder schwierige Zeiten zu bewältigen. Der frühe Tod von Johannes Bütikofer, er starb mit 45 Jahren! Unsere Urgrossmutter führte die Schweinemetzgerei 30 Jahre ohne ihren Mann mit Erfolg weiter.

Danach folgte der erste Weltkrieg mit anschliessendem Generalstreik in der Schweiz. Die grosse Depression in den 30er Jahren und 1939 – 1945 der zweite Weltkrieg. Jedes einzelne Ereignis eine grosse Herausforderung, die mit viel Mut und Einsatz gemeistert wurde. Wir werden nie ermessen können, wieviel Kraft und Mühe es gekostet hat die Familien und den Betrieb am Laufen zu halten!

Ich habe 1953 mit der Lehre in der elterlichen Metzgerei begonnen, nachdem wir schon als Kinder kleinere Arbeiten im Betrieb ausführen durften. Susy und ich haben am Nachmittag die Lebensmittel-Coupons mit Fischkleister auf A4 Blätter geklebt. Gut in Erinnerung bleibt mir die Metzgergass-Chilbi um 1948, wo ich einen kleinen Holzkohle-Grill betreuen durfte.  Auch im Hausliefer-dienst halfen wir mit. Mit dem Widlikorb zu Fuss in der Stadt, oder mit dem Velo vor allem im Kirchenfeld. Ein Ereignis ist mir besonders haften geblieben. Ich fuhr bei Regenwetter über die Kirchenfeldbrücke auf den Helvetiaplatz; beim Queren der Tramschienen bin ich mit der vollen Hutte gestürzt und sämtliche Pakete lagen schön verteilt auf der Strasse. Ein kurzes Einsammeln und schon ging‘s weiter…
Auch Mäx und Kurt erzählten noch lange von ihrer Lieferung ins Restaurant Schwellenmättteli. Sie stürzten mit ihrem Anhänger über die Böschung, verteilten die Würste im Gebüsch und polierten sie nachher mit ihren Taschentüchern, um die Ware fach-gerecht im Restaurant abzuliefern! Wenn die Zeit reichte, haben die Eltern mit uns zu Mittag gegessen. Wir bekamen die Sorgen und Nöte schon als kleine Schulkinder mit. Mein Vater machte sich oft Sorgen über die Bankschulden, die nach seiner Ansicht doch recht hoch waren. Ich fragte nach, wo sich die Schulden befänden? Er antwortete, auf der Bank! So empfahl ich ihm, sie doch dort abzuholen….

Unsere Familie wohnte im zweiten Stock, Zibelegässli 14, dort wo heute das Wappen der Familie Richard im Laubenbogen an uns erinnert. Jedes Zimmer wurde mit einem Holzofen beheizt und ständig musste nach dem Feuer geschaut werden. Das Holz wurde im Sommer angeliefert und auf der Strasse von Hand gespalten. Danach mit der Hutte in den fünften Stock, den Estrich, getragen und im Winter wieder runtergeholt. Am Abend war der Ofen meistens noch warm und man nahm die Kleider mit ins Bett, um am Morgen nicht kalte Kleider anzuziehen. Im Winter wurden Vorfenster eingehängt, um die Wärmeisolation zu verbessern. Im Treppenhaus war keine Heizung und es geschah immer wieder, dass die Wasserleitungen einfroren und Risse bekamen! Im Erdgeschoss war der Laden, die Kühlräume und in den hinteren Räumen die Produktion. Im Keller Kühlräume und Gefrierraum; im ersten Stock die Küche, das Esszimmer und der Wohnraum. Im zweiten Stock Schlafzimmer, Badezimmer mit warmem Wasser und Vorratsräume. Später auch die Waschmaschine.

Bis 1954 wurde im fünften Stock die Wäsche gewaschen. Eine Waschfrau, Frau Burkhalter aus der Matte, kam jede Woche, um die blutige Wäsche auf dem Waschbrett von Hand zu waschen. Zuerst wurde die Wäsche im Waschkessel gekocht um danach jedes Stück einzeln bearbeitet. Sie beschwerte sich ab und zu, dass wir Knöpfe in die Taschentücher gemacht hatten, um uns an etwas zu erinnern! Die waren nur schwer zu lösen.

Die meisten Angestellten wohnten im ersten, dritten und vierten Stock. Ca. 10 Personen. Im dritten Stock befand sich ein Waschraum mit kaltem Wasser, kein Bad, keine Dusche für das Personal! Einmal in der Woche ging man ins Volkshaus zum Warm-Baden…

Das Personal hatte keinen Hausschlüssel, nach 22.00 Uhr war die Haustüre geschlossen. Wenn jemand später nach Hause kam, musste der Vater vom zweiten Stock nach unten gehen um die Türe zu öffnen. Verständlicherweise war er darüber nicht sehr begeistert!

Die Löhne wurden meistens erst nach Monatsende bezahlt, damit auch zu Beginn des Monats gearbeitet wurde und der Lohn nicht sofort in Getränke umgesetzt wurde. Das Personal war ja versorgt mit Kost und Logis; auch Teile der Arbeitskleidung wurde zur Verfügung gestellt. Der Lohn war eher ein Taschengeld und bewegte sich in einem bescheidenen Rahmen.
Die jüngeren Burschen waren auf der Wanderschaft, blieben ein paar Monate, oder Jahre, um dann selbst ein Geschäft zu übernehmen, oder den Beruf zu wechseln. Mit dem Neubau von 1962-1964 veränderten sich die Voraussetzungen schlagartig. Die „NEUE ZEIT“ hielt Einzug!

Nach Abschluss der Lehre (1953–1956) habe ich im Ausland interessante Erfahrungen gesammelt, die mich das ganze Leben lang begleitet haben. Es war unserem Vater Max zu verdanken, dass er uns früh ins Ausland geschickt hatte, um den beruflichen Horizont zu erweitern. Wir sind ihm noch heute dankbar.

Der Beginn der Partnerschaft mit Kaja verdient persönlich beleuchtet zu werden. Wir wollten zusammen nach Kanada zum Arbeiten. Ich hatte in Frankfurt die Fleischerschule Heine besucht und bin danach eine Woche nach Paris gefahren, um Kaja zu besuchen. Sie bekam, als Sekretärin im Reisebüro, vier Monate unbezahlten Urlaub, um als „jeune fille“ in einer Familie zwei Kinder zu betreuen.

Wir hatten eine schöne Zeit zusammen und Mark war das Ergebnis unserer sorglosen Woche und der Grund unserer frühen Heirat. Wir haben es nie bereut! Das so nicht geplante Ereignis hat natürlich unsere weiteren Pläne verändert.

Wir haben ohne finanzielle Reserven, nur mit viel Zuversicht geheiratet.

Einige Tage nach der Heirat flog ich mit dem schon früher gekauften Ticket alleine nach Toronto, wo mich Helmut Fiedler abholte, der eine Stelle in Kitchener für mich besorgt hatte. Der einfache Flug kostete damals 2‘000 Fr., was drei Monatslöhnen entsprach. Den Hinflug hat mir mein Vater bezahlt. Wir waren damals 24 Stunden unterwegs mit eine Super-Constellation. Zürich, Paris, Shannon, Gander und Toronto. Den Rückflug habe ich mir in Kanada verdient.

Ich habe sechs Tage in der Woche gearbeitet für 10.- kanadische $ pro Tag (ca. 40.- Fr.) Es war eine interessante und lehrreiche Zeit.

Nach der Rückkehr in die Schweiz haben wir im Zibelegässli 10 eine Ein-Zimmer-Wohnung gemietet; unsere eigenen Betten gezügelt, Schränke der Firma Sproll, einer gekauft, einer geschenkt bekommen. 1‘000.- Fr. waren alles, was wir hatten.
So sind wir in unser neues Leben losgezogen, mit dem Ziel, unabhängig zu bleiben, selbst zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen
. Es hat sich gelohnt!

1957 begann Kurt im Geschäft mitzuhelfen, um Papa zu entlasten. Die Schreibarbeiten wurden immer umfangreicher und anspruchsvoller. Kurt als Kaufmann hat viel zum geschäftlichen Erfolg beigetragen. Er hat die Rechnungsstellung, Kalkulation, Lohnabrechnung und auch die Hausverwaltung auf neue Grundlagen gestellt.

Die Pläne zu Hause und im Geschäft waren spruchreif. Kurt und Papa hatten sich entschlossen, die Häuser am Kornhausplatz neu zu bauen. So war es selbstverständlich, dass ich zurückkam, um mit Kaja unsere Zukunft in Bern zu gestalten. Wir begannen mit einem Monatslohn von 700.- Fr. (Kaja verdiente als Sekretärin 750.- Fr.) Mit viel Einsatz und Begeisterung gingen wir an die Arbeit.  Es dauerte vier Jahre, bis die Planung abgeschlossen war.

Der Traum von Gottlieb, Max und auch von Kurt und mir wurde Wirklichkeit. Wir konnten die Metzgerei 1964 am Kornhausplatz an bester Lage, im Zentrum von Bern, eröffnen!                                                   
Die finanziellen Umstände, mit der wir uns vor und nach dem Neubau beschäftigen mussten, möchte ich gerne festhalten. Der Neubau konnte nur verwirklicht werden, weil unser Vater Max Verwaltungsrat bei der Gewerbe-kasse war. Durch das jahrelang aufgebaute Vertrauen und seine gute Geschäftsführung haben ihm seine Freunde geholfen, die nötigen Kredite zu beschaffen. Wir hatten die alten Liegenschaften (zum Teil baufällige) als Besitz für die Neubauten eingebracht, aber nun mussten die Zinsen und Amortisationen für die Neubauten erwirtschaftet werden! Der Wirtschaftsaufschwung war erst im Anrollen. Unser Vater Max, mein Bruder Kurt und ich haben persönlich für sämtliche Kredite gehaftet. Jährlich mussten 100‘000.- Franken von den Hypotheken amortisiert werden und zusätzlich waren die Hypozinsen um die sechs Prozent zu bezahlen. Bei Erstellungskosten der Häuser von ca. 7 Mio. Fr. ca. 420‘000.- Fr. im Jahr.
Wir haben die Vorgaben über Jahre eingehalten und später auch von den guten wirtschaftlichen Verhältnissen profitiert. So haben wir unser Vermögen vermehrt und uns einen sorglosen Ruhestand gesichert.

Unsere Mutter hat unseren beruflichen Weg stark geprägt.  Es war vor allem der zweite Weltkrieg, mit der Nahrungsmittel-Rationierung und den fleischlosen Tagen (Dienstag und Donnerstag waren die Metzgereien geschlossen!), die viele neue Ideen brachte.

Unsere Mutter war eine ausgezeichnete Köchin und brachte die gekochten Angebote in den Laden. Es wurden Fleischsuppe, Sauerkraut, Gnagi, Kuh-Euter, Kutteln gekocht verkauft (ohne Lebensmittelmarken!), als die meisten andern Betriebe nur Fleisch und Wurst anboten. Es war der Beginn des Angebots, alles fertig zum Essen, kein Kochen mehr zu Hause, nur schnell heiss machen.

Wir haben das Angebot über Jahrzehnte mit Erfolg ausgebaut. Ich habe nach der Schliessung der Metzgerei (1995) noch öfters Frauen in der Stadt getroffen, die mir sagten, Herr Richard Sie fehlen mir! Man kann es nicht genug wiederholen, wir alle zusammen waren über Jahre ein erfolgreiches Team. Immer vorne mit dabei.

Wir sind gesund geblieben und durften über lange Zeit unsere Kunden bedienen, die oft auch zu unseren Freunden wurden. Wir haben die uns anvertrauten Werte gut verwaltet und wir durften auch einiges davon unseren Nachfolgern weitergeben.
Für euch alle möchte ich festhalten, dass unser Vermögen vor allem aus den Liegenschaften, die über vier Generationen erworben wurden, stammt. Der Betrieb der Metzgerei ermöglichte ein gutes Leben für die ganze Familie, aber der Besitz der Häuser war wie ein Sechser im Lotto! Vor allem Kurt hat darauf hingewirkt, dass kein Geld mehr in kleine Investitionen der Häuser getätigt wurde. Es ging um ein grundlegendes Konzept, einen Neubau! Ohne den Neubau der Häuser wäre das Weiterführen der Metzgerei und der geschäftliche Erfolg nie möglich gewesen.

Wir möchten unserer ganzen Familie für den Einsatz und für ihre Mithilfe danken und hoffen, dass ein wenig Stolz auf die Vergangenheit und auf die erarbeiteten Erfolge bei unseren Nachkommen in Erinnerung bleibt.

Im Moment sind wir daran, die Herausforderung des Corona Virus zu meistern. Es werden immer wieder überraschend neue Ereignisse auftreten, die Ihr mit viel Optimismus überwinden werdet.  
Legt immer etwas Geld zur Seite, um nicht abhängig zu sein und selbst zu entscheiden! Lebt euer Leben und übernehmt dafür die Verantwortung. Die letzten Worte unserer Mutter waren Gedanken an die weniger verwöhnten Mitmenschen. Es ist unsere Aufgabe, auch ihnen zu helfen und ein wenig von unserem Glück weiterzugeben. Ihr werdet es nicht bereuen.

Wir sind stolz auf Euch alle!

In Liebe Hans-Uli und Kaja

Mach was de chasch,
dert wo de bisch,
mit däm wo de hesch!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Neueste Kommentare

07.04 | 14:39

Von Herzen Dankeschön liebe Danuta und lieber Albi
und alles erdenkbar Glückliche, Schöne, Gute und Gesunde für die weitere Zukunft! Liebe Grüsse von uns

...
07.04 | 11:37

Soeben habe ich deine persönlichen Gedanken gelesen. Erneut sehr eindrücklice Worde eines aktiven Seniors! Versuche dich und Susi in den nächsten Zeit sehen

...
14.01 | 01:37

auf zu weiteren krea(k)tiven taten… zu deinem 90. geburtstag viiiiiil luschdd und gluschdd

der (ur)alt-kurdirektor von brienz am see

...
13.01 | 22:55

Lieber Erich. Vielen Dank für Deine sehr interessanten Jugenderinnerungen! Deine Pfaditaufe erinnert mich sehr an meine eigene - der IV Trupp/rotgelb? LG Mani

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